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10. Dezember 2020

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Die Swiss-Covid App hat es schwer.

Die Zahl der an Corona erkrankten Menschen schiesst in die Höhe, die Zahl der aktiven SwissCovid App- User bleibt bescheiden. Ein Erklärungsversuch.

Aktuell wird für die SwissCovid App kräftig die Werbetrommel gerührt. Die zweite Welle ist bereits einiges höher als die erste, das Contact Tracing der Kantone am Anschlag. Wenn alle, die mit Mobiltelefonen unterwegs sind, die SwissCovid App heruntergeladen und aktiviert hätten, würde das verstärkt dazu beitragen, Übertragungsketten zu unterbrechen.

Das funktioniert so: (Falls du das schon x-mal gelesen oder gehört hast, kannst du diesen Abschnitt überspringen.) Du lädst die App vom Apple Store für iOS oder vom Google Play Store für Android auf dein Mobiltelefon. Ausserdem musst du in den Einstellungen des Telefons die Bluetooth-Funktion einschalten. Wenn du nun unterwegs bist, tauscht dein Mobiltelefon mit allen anderen Mobiltelefonen, welche die App aktiviert haben, die zufälligen Identifizierungscodes (IDs) aus. Diese speichert die App auf für 14 Tage auf dem Telefon und löscht wie dann automatisch. Du bekommst eine Meldung, wenn du innerhalb eines Tages mindestens 15 Minuten mit einem Abstand von weniger als 1,5 Metern mit einer oder aber mehreren infizierten Personen zusammen warst. Es könnte also auch sein, dass du mit zwei infizierten Menschen je 8 Minuten mit zu wenig Abstand gesprochen hast. Falls du eine Meldung erhältst, kannst du die Infoline anrufen und man bespricht mit dir, was zu tun ist. Falls du positiv auf Corona getestet wirst, bekommst du einen Freigabecode, den so genannten Covidcode, mit dem du die automatische Benachrichtigung an potentiell Angesteckte auslösen kannst.

Jetzt, Ende Oktober, sind immerhin um die 1'890'000 SwissCovid Apps aktiv. Das sind fast doppelt so viele wie gegen Ende der ersten Welle. Aber wenn man bedenkt, dass es in der Schweiz mehr Mobiltelefonverträge (über 10 Millionen) gibt als ständige Einwohner (8,8 Millionen), dann scheint diese Zahl doch sehr klein. Ok, es gibt Leute, die haben mehr als eine SIM Card, dann gibt es Ausländer, die eine SIM Card lösen, wenn sie hier in den Ferien sind. Trotzdem scheint die Zahl bescheiden. Insbesondere wenn man bedenkt, dass die Expertengruppe «Digital Epidemiology» hoffte, mit der App rund 60 Prozent der Bevölkerung zu erreichen. Das wären über 5 Millionen Menschen.

Der Datenschutz

Wir tun uns also schwer mit der SwissCovid App. Aber warum? In den sozialen Netzwerken wird noch immer der Datenschutz als Grund angegeben, die App nicht zu nutzen. Fakt ist, dass das Mobiltelefon oder die SwissCovid App keine Personen- oder Ortungsdaten an zentrale Speicherorte oder Server senden. Daher kann niemand rekonstruieren, mit welcher Person man Kontakt hatte und wo der Kontakt stattfand. Die App wurde aber auch schon von Expertenseite kritisiert. Selbst die lokale, zeitlich begrenzte Speicherung biete Lücken für Angriffe, respektive der Austausch der Mobiltelefone via Bluetooth. Weil die Telefone ihre IDs aussenden, um sie mit allfälligen Nachbartelefonen auszutauschen, seien die Telefone rückverfolgbar. Und wer die Daten von Nutzern, bei denen der Covid-19-Test positiv ausgefallen ist, mit weiteren Drittpersonen abgleiche, könne jene allenfalls identifizieren. Da fragt sich nur, weshalb jemand diesen Recherche- und Verfolgungsaufwand auf sich nehmen würde, nur um zu erfahren, wer da nun Covid hat. Wer aus Gründen seiner Privatsphäre die App nicht nutzt, erliegt meiner Meinung nach dem so genannten «privacy paradox»: Das bedeutet, dass wir dazu neigen, auf der einen Seite unheimlich pingelig darauf zu pochen, dass die Privatsphäre zu schützen sei, aber auf der anderen Seite selbst sehr unbedarft mit eigenen Daten umgehen. Wir posten zum Beispiel Fotos, nutzen zu simple Passwörter und kaufen ohne Ende online mit der Kreditkarte ein. Dabei geben wir viel mehr, viel offener persönliche Daten von uns preis als über die Covid App. Datenschutzprobleme mit der Covid App? Ich sage: Ausrede.

Der Nutzen

Eine interessantere Ausrede bietet aber folgende kritische Frage: Was nützt die App, wenn sie von einem kleinen Anteil der Bevölkerung genutzt wird? Wer fragt, ist dann quasi Teil des Problems.

Dann gibt es noch die Zweifel am allfälligen Resultat. Was ist, wenn ich eine Meldung erhalte? Die App weiss ja nicht, ob ich eine Maske getragen habe, als mir die Corona-Infizierten Personen zu nahe gekommen sind! Muss ich dann in Quarantäne? Das wäre doch mühsam, vor allem, wenn es eigentlich unbegründet wäre.

Ich habe mir das auch eingeredet. Aber ehrlich: Es ist doch nur eine vorgezogene Ausrede, weil ich allfällige Konsequenz befürchte. Ich sollte doch eigentlich wissen, wo und wann ich die letzten 48 Stunden mit Menschen länger als 15 Minuten näher als 1,5 Meter zusammen bin. Und ich sollte es auch deshalb wissen, weil ich mir eben Mühe geben sollte, so wenig wie möglich mit Menschen den erforderlichen Abstand nicht einzuhalten. Dort, wo es eben nicht klappt, sollte ich Maske tragen. Wenn ich dann die Meldung von der Covid-App erhalte, weiss ich nicht nur, wann und wo ich allenfalls mit dem Virus in Kontakt war, sondern auch, ob ich mich mit Maske geschützt habe. Dann muss ich nämlich nicht in Quarantäne. Wenn ich diese Logik weiterdenke, dann ist der eigentliche Nutzen der SwissCovid App nicht nur, dass ich gewarnt werden kann, dass ich eventuell angesteckt worden bin, sondern es ist auch meine Motivation, mich an die Massnahmen – Abstand, Maske, so wenig Treffen wie möglich – zu halten.

Corona, ein Spiel?

Eine weitere Kritik, welche die Macher der SwissCovid App einstecken mussten, ist, dass die App nicht attraktiv genug sei. Es gebe keine so genannte «Gamification», das nennt man eine spielerische Belohnung, wenn man mitmacht oder irgendwie sonst sich mit der App beschäftigt. Es fehle deshalb die Motivation, die App herunterzuladen. Was für eine blöde Kritik ist das denn? Oder spricht sich von einer Gesellschaft, für die alles zum Spiel, zum Fun werden muss, damit man sich irgendwie engagiert? Ich bin froh, dass die SwissCovid App ganz einfach im Hintergrund läuft. Seit ich sie runtergeladen und aktiviert habe, null Interaktion. Und das ist auch gut so. Wenn ich Pandemie spielen will, gibt es bereits ein Angebot. Aber darüber lest ihr im nächsten Blog.